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Tobias ließ die Fingerkuppen über Buchstaben und Bilder fahren. Vorsichtig legte er seine Handfläche auf die Seite. Der Alte zuckte zusammen.
"Pass bitte auf", sagte er hastig. "Das Buch ist sehr wertvoll und die Seiten sind schon brüchig. Du musst sie ganz behutsam umblättern, wenn du liest."
Tobias zog seine Hand zurück. "Kann ich es... vielleicht mitnehmen?", fragte er leise. Bitte!, dachte er.
In meinem Hauptberuf bin ich Kultur- und Medienwissenschaftler und arbeite an der Universität Hildesheim.
Medienwissenschaftler untersuchen Medien! Wir alle gehen täglich mit Medien um und gebrauchen Medien: das Handy, das Buch, die Zeitung, den Computer, den MP3-Player, das Fernsehen, das Internet usw. Medien sind aber nicht nur um uns herum, sie sind auch in uns drin: Die Wörter, die wir zum Sprechen brauchen. Sprache ist das allererste Medium überhaupt. Mit Sprache denken und sprechen wir. Sprache ist ein Teil von uns und zugleich ein Teil von all den Anderen. Nur deshalb können wir uns mithilfe von Sprache verständigen.
Allgemein kann man sagen, dass Medien verbinden (die Sprache und das Handy), dass Medien etwas darstellen (die Malerei und das Fernsehen) und dass Medien etwas ablegen und bewahren (das Tagebuch und die Speicherkarte).
Als Kultur- und Medienwissenschaftler untersuche ich, was eigentlich passiert, wenn Medien das tun, wozu sie entwickelt worden sind. Das heißt, ich untersuche, was sich durch den Gebrauch von Medien in unserer Kultur verändert.
Dass sich etwas verändert, wenn neue Medien eingeführt werden, erfährt man spätestens, wenn man 25 Jahre und älter ist. Bis dahin denkt man: Alle Medien hat es schon immer gegeben. Man kann sich die Welt gar nicht anders mehr vorstellen, z.B. eine Welt ohne Handy.
Als ich 25 Jahre alt war, gab es noch keine Handys. Wenn man telefonieren wollte, benutzte man das Telefon zu Haus, oder eine Telefonzelle – aber dazu brauchte man Kleingeld. Wenn ich heute mit einem Handy telefoniere, benutze ich es nach wie vor wie ein Telefon: Ich telefoniere nur, wenn es wichtig ist und ich will auch nicht dauernd angerufen werden.
Jüngere Menschen gehen ganz anders mit dem Handy um: Sie telefonieren überall und sind überall erreichbar. Wenn man sich heute verabredet, kann man kurz vorher noch absagen oder einen neuen Treffpunkt ausmachen. Man ist ja immer und überall erreichbar. Vor 25 Jahren ging das nicht: Da musste man sich an die Verabredung halten. Das Handy hat also schon in dieser Hinsicht unsere Gewohnheiten verändert.
Menschen, die 25 Jahre und älter sind, sehen in Neuen Medien zumeist eine Bedrohung, weil sich durch die neuen Medien ihre gewohnte Umgebung verändert. Dabei vergessen sie, dass es in den Zeiten, als sie jung waren, auch neue Medien gegeben hat, die sie als Kinder und Jugendliche ganz normal fanden (das Kino, das Radio, das Fernsehen usw.). Aber auch zu ihren Zeiten gab es Menschen, die diese „alten“ neuen Medien als Bedrohung empfanden.
Als man vor 2500 Jahren in Griechenland die Schrift einführte, glaubte z.B. der berühmte Philosoph Platon, dass Schreiben gar keine gute Sache sei: Er befürchtete, dass die Menschen durch das Aufschreiben ganz vergesslich werden würden.
Immerhin aber war er so klug, selbst das neue Medium „Schrift“ zu benutzen und seine Gedanken aufzuschreiben, denn sonst wüssten wir heute nichts von seinen Ängsten.
(nachzulesen in: Platon: Phaidros oder Vom Schönen, 274b-277a)